Noch 9 Tage?
14. März 2007Nur noch 9 Tage — höchste Zeit also, auf die Kommentare zu reagieren und Stellung zu beziehen!
Zu euren Meinungsäußerungen: Genau wie ich es erwartet habe, haben die Mails eher Verständnis und die Blogkommentare eher Bestürzung beinhaltet. Und genau wie erwartete, waren die Mails auch um längen gehaltvoller und interessanter — darum habe ich auch um sie und nicht um Comment-Zweizeiler gebeten. Wie dem nun auch sei, ich werde natürlich alle Reaktionen berücksichtigen und versuchen, alle Fragen zu beantworten.
Ihr habt darum gebeten, zumindest das Forum online zu lassen. Für Organisation von Treffen, Partys, Urlauben, etc. Und für die Aufrechterhaltung des Kontakts zwischen den Leuten vor Ort und den Kumpels weiter weg. Diese beiden Punkte sind auch mir nicht egal (ich möchte z.B. keinesfalls dafür verantwortlich sein, dass wir den Kontakt mit Dirk abreisen lassen), doch es stellt sich die Frage, ob man das nicht auch anders managen kann.
Sind wir ehrlich: Wie viele Posts drehen sich denn wirklich um diese Themen? Meiner Beobachtung nach, sind die Planungsthreads gegen 1 pro Monat gegangen. Der Rest ist Spam (Smalltalk, Videos). Und viel zu oft gibt die Suche nach neuen Beiträgen nur “keine Übereinstimmungen”…
Ist es nicht viel sinnvoller, eine Mailingliste einzuführen und sich so regelmäßig (vielleicht 1-2 Mal im Monat) auszutauschen. Das wäre wahrscheinlich qualitativ deutlich mehr Wert und würde sinnlos-Threads gar nicht erst entstehen lassen. Natürlich gibt es auch hier einige Probleme (z.B. wer auf die Liste kommt; was mit Themen ist, die einige sicher nicht interessieren), aber ich denke, mit genug Willenskraft ist das locker machbar.
Das zweite, worum einige trauern würden, ist die Galerie. Um es genauer zu sagen: Ein 119 Veranstaltungen umfassendes Fotoalbum aus der Zeit zwischen dem 22. Januar 2004 und dem 14. Juli 2006 — das Schülerbandkonzert liegt heute genau acht Monate zurück.
Warum schaut man sich so alte Bilder an? Und wie oft? Ich vermute mal: Um sich an die guten alten Kindertage zurück zu erinnern und das vielleicht einmal im Halbjahr. Wäre es nicht viel interessanter, sich zum Bilderankucken im RL zu treffen? Dann würde man sich nämlich nicht nur zurückerinnern, sondern man würde etwas gemeinsam machen (und dann natürlich auch die Leute treffen, die man so nicht einfach sieht) und - was meiner Meinung nach das Ganze erst interessant macht - man hätte neben den Bilder und den eigenen Erinnerungen auch noch die Erinnerungen und Geschichten der Anderen. Ich stelle mir das nur positiv vor: Einen lustigen Nachmittag/Abend mit guten Freunden verbringen, Bier trinken, Spaß haben… Das ist alleine daheim am PC sicher nicht so.
Jemand könnte jetzt sagen: Dann können wir aber anderen Leuten nichts mehr zeigen. Leuten, die nicht zu unserem Freundeskreis zählen. Und ich sage: Doch! Entweder die Leute sind es “Wert”, die Bilder zu sehen — dann können sie auch gerne kommen. Oder sie sind es nicht — dann ist es nur gut, dass sie die Bilder nicht sehen.
Früher habe ich bedenkenloser private Dinge ins Netz gestellt. Heute bin ich vorsichtiger. Welche Vorteile habe ich denn, wenn ich mein ganzes Leben offenlege? Und welche Gefahren lauern?
Aus dieser Abwägung von Vor- und Nachteilen heraus habe ich aufgehört zu bloggen. Von all den Blogeinträgen ist nur ein einziger öffentlicher wirklich privat (#131), der Rest ist bis auf wenige Ausnahmen (die ich an zwei Händen abzählen kann) oberflächliches Geplänkel aus dem daily life.
Logisch, vor zwei Jahren gab es genauso Ereignisse, über die ich nicht öffentlich sprechen wollte. Doch Quantität und Qualität dieser Ereignisse haben sich deutlich verändert. Das heißt nicht, dass ich zum Geheimniskrämer mutiert bin. Im Gegenteil: Heute spreche ich viel mehr über das, was für mich eigentlich wichtig ist. Doch es heißt, dass ich sorgfältiger wähle, wem ich etwas erzähle, wer trustworthy ist.
Warum also - gerade weil mir das Private so wichtig ist - ein sinnloses Blog betreiben? Warum schreiben über Dinge, die mich uninteressant machen, weil sie meine uninteressanteste Seite zeigen? Warum immer wieder Gefahr laufen, Informationen an Menschen weiterzugeben, für die diese absolut nicht bestimmt sind (siehe Ärger mit Nazis, Lehrern, etc)? Meiner aus Erfahrung erwachsenen Meinung nach ist das Internet DAS Medium schlechthin, um diese Fragen problemlos in Probleme zu verwandeln. In keinem anderen Massenmedium stolpert man über so viel Müll (auch nicht im Fernsehen) und über so viele Gefahren wie im WWW.
Ich glaube, das Internet ist nicht gut. Es war nie gut und es wird nie gut sein.
Das Internet ist eine Technik und als solche höchstens funktional gut oder schlecht. Das meine ich aber nicht. Diese zweifellos funktional hervorragende Technik kann nur so gut* sein, wie die zu Usern verkommenen Menschen es machen. Und scheinbar machen sie es nicht gut. Noch nie hatte die Masse der Inhaltstellenden ein Interesse, das Netz gut zu machen: Weder die Militärs in den 60ern, noch die Firmen seit den 90ern oder die Web 2.0-Freaks von heute. Der einzige Zweig, der nicht grundsätzlich schlecht ist, ist für mich der Forschungs-, Entwicklungs- und Wissenszweig. Doch auch hier ist Vorsicht geboten: Scheinbar kann Wissenschaft sehr schnell ihren guten Charakter abstreifen und sehr bedenkliche Triebe hervorbringen.
Ich denke, nach diesen (wenn auch kurzen) Ausführungen muss ich nicht erklären, warum ich nicht Teil der Web 2.0-Gesellschaft werden will. Das Internet ist höchst unreal. Doch gleichzeitig ist es keine andere Realität, gigantische Gewinne gibt es genau wie Zensur und Gesetze. Im Internet kann ich sein, wer ich nicht bin. Ich kann tun, was mir nicht entspricht. Und ich kann versinken in einer Welt, die von den Adjektiven “asozial”, “profitgeil”, “ungerecht” und “absurd” wohl am besten beschrieben wird. Will ich das? Kann ich das wollen?
Es mag jetzt übertrieben scheinen, diese globalen Zusammenhänge als Begründung für das Abschalten einer kleinen unbedeutenden Seite wie jk-art.de herzunehmen. Natürlich ist diese Seite weder verantwortlich für die beschriebenen Prozesse, noch kann sie sie verändern oder gar aufhalten. Aber sie kann das Bewusstsein seiner Besucher schärfen und auf bestimmte Dinge lenken. Sie kann Anregungen bieten, selbst nachzudenken. Und damit ist bereits viel erreicht.
Sollten nur zwei Menschen durch diesen Blogeintrag einen kritischeren Blick für das weltweite Netz bekommen (haben), so ist mein Ziel erreicht. Ich weiß zu gut, dass es angenehm ist, sich in den stets unterhaltenden Fluten des Internets dahintreiben zu lassen. Manchmal ist das vielleicht auch gar nicht verkehrt. Doch verkehrt es es spätestens dann, wenn man sich auf das Internet verlässt, wenn man etwas braucht und nicht sieht, dass es einem nicht im VL gegeben werden kann. Wenn man vergisst, was eigentlich wichtig ist — und das Netz ist es definitiv nicht.
Über Mails (und zur Not auch Kommentare
) freue ich mich natürlich immer.
Jonas
* Ich hoffe es wird klar, wie “gut” in diesem Zusammenhang gemeint ist. Die Begriffe “Moral” oder “Ethik” habe ich bewusst gemieden. Für mich besteht die Gefahr, dass sie meinen Ausführungen einen verfälschenden Touch geben. Mit dem “gut” wollte ich ein “gut an sich” ausdrücken. Ein “gut”, das einen solchen Eindruck in einem weckt und hinterlässt, dass dieser dann sagen kann “Es ist gut. Einfach gut an sich.”


